Die IG Metall in Baden-Württemberg schlägt Alarm: Chinesische Lkw-Hersteller dringen deutlich schneller in den europäischen Markt ein als bislang erwartet – und bedrohen damit Arbeitsplätze sowie Wertschöpfung im deutschen Nutzfahrzeugsektor. Grundlage der Warnung ist eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI, die im Rahmen des Transformationsnetzwerks CARS 2.0 erarbeitet wurde.
Laut der Fraunhofer-Studie vollziehen chinesische Nutzfahrzeughersteller ihren Eintritt in den europäischen Markt rund dreimal schneller als bei früheren internationalen Expansionen – etwa in Südafrika. Hersteller wie SANY, Foton und FAW sowie neue Anbieter wie das erst 2022 gegründete Unternehmen SuperPanther bauen dabei gezielt Partnernetzwerke, Produktionskapazitäten und Vertriebsstrukturen in Europa auf. SuperPanther hat nach Angaben der Studie bereits einen Produktionsvertrag über 16.000 schwere Elektro-Lkw ab 2026 mit Steyr Automotive abgeschlossen und kooperiert mit Unternehmen wie DHL, TÜV Nord und Alltrucks.
Elektro-Lkw-Technologien könnten aus Deutschland abwandern
Besonders besorgniserregend ist aus Sicht der Gewerkschaft die drohende Abwanderung von Zukunftstechnologien. Die IG Metall warnt, dass ohne entschlossene politische Gegenmaßnahmen Schlüsseltechnologien wie Batterie- und Wasserstoffantriebe aus Baden-Württemberg abwandern könnten. In einem ersten Schritt würden Zulieferer Wertschöpfung und Beschäftigung verlieren – in einem zweiten Schritt drohten auch den Herstellern selbst erhebliche Einbußen. Besonders der Zulieferbereich für Antriebsstränge und elektrische Komponenten gilt als gefährdet.
Die Kombination aus schnellen Produktionsanläufen, aggressiven Preisen und hoher Skalierbarkeit, wie sie Anbieter wie SuperPanther an den Tag legen, bedroht nach Einschätzung der IG Metall klassische Wettbewerbsvorteile des Standorts Baden-Württemberg. Die Gewerkschaft sieht darin einen gezielten Angriff auf Kernkompetenzen der europäischen Nutzfahrzeugindustrie.
Betriebsräte fordern europäischen Industrieplan für Elektromobilität
Betriebsräte führender Nutzfahrzeughersteller schließen sich den Forderungen der IG Metall an. Michael Brecht, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Daimler Truck, plädiert laut Gewerkschaftsmitteilung für einen europaweiten strategischen Industrieplan, der die Entwicklung und Produktion von Batteriezellen fördert und Investitionsrisiken für Unternehmen reduziert. Zudem sei eine EU-Förderung notwendig, von der auch bestehende Industrie-Cluster profitieren könnten.
Wilfried Schmid, Konzernbetriebsratsvorsitzender bei Iveco Magirus, kritisiert das Fehlen politischer Leitlinien. Er fordert einen Masterplan für Infrastruktur, Energiepreise und Technologieoffenheit – ohne diesen, so Schmid laut IG-Metall-Mitteilung, beschleunige Europa den Abstieg der eigenen Industrie. Die Betriebsräte betonen, dass der rein marktwirtschaftliche Ansatz gegenüber einem staatlich gesteuerten Wettbewerber wie China nicht ausreiche.
Politischer Handlungsbedarf wächst
Die IG Metall fordert konkrete politische Weichenstellungen auf europäischer Ebene: Investitionen in die Elektromobilität, gezielte EU-Förderungen sowie eine abgestimmte Strategie für Ladeinfrastruktur und Energieversorgung. Nur so könnten Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung im Nutzfahrzeugsektor langfristig gesichert werden.
Die Studie des Fraunhofer ISI sowie die Reaktionen der Gewerkschaft machen deutlich: Der Markt für elektrische Lkw in Europa steht vor einer strukturellen Verschiebung. Wie schnell und wie tiefgreifend diese ausfällt, hängt nach Ansicht der Beteiligten maßgeblich davon ab, ob Politik und Industrie gemeinsam und entschlossen handeln.