Elektro-Lkw: Chinesen könnten 25 % des EU-Markts erobern

T&E warnt: Chinesische und US-amerikanische Elektro-Lkw könnten bis 2030 ein Viertel des europäischen Markts erobern – mit bis zu 12 % niedrigeren Betriebskosten.

Eine neue Analyse der Umwelt- und Verkehrsorganisation Transport & Environment (T&E) warnt: Wenn europäische Hersteller die Elektrifizierung ihrer Lkw-Flotten nicht deutlich beschleunigen, könnten chinesische und US-amerikanische Anbieter bis 2030 bis zu ein Viertel des europäischen Elektro-Lkw-Markts für sich beanspruchen. Die Botschaft richtet sich direkt an etablierte Nutzfahrzeughersteller – und an die Politik.

Der Markt für lokal emissionsfreie Lkw in Europa wächst bereits spürbar. Im vergangenen Jahr lag der Anteil bei 5,6 Prozent der Gesamtverkäufe – doppelt so viel wie im Vorjahr. Als zentrale Wachstumstreiber nennt T&E sinkende Batteriepreise sowie die seit Juli 2025 geltenden CO2-Vorgaben für schwere Nutzfahrzeuge. In Märkten wie Norwegen und Schweden liegt der Anteil elektrischer Lkw an den Neuzulassungen bereits bei über 15 Prozent.

Gesamtbetriebskosten: Chinesische E-Lkw mit deutlichem Kostenvorteil

Der entscheidende Hebel für den Markteinstieg neuer Wettbewerber sind die Gesamtbetriebskosten. Laut T&E-Analyse könnte ein chinesischer E-Lkw die Gesamtkosten im Vergleich zu einem europäischen Fahrzeug um bis zu 12 Prozent senken. Über eine Haltedauer von fünf Jahren entspricht das Einsparungen von bis zu 43.000 Euro. In einer Branche, in der die Gewinnmargen üblicherweise nur 1,5 bis 2 Prozent betragen, sind solche Kostensenkungen ein erheblicher Wettbewerbsvorteil.

T&E verweist auf ein konkretes Rechenbeispiel aus dem deutschen Transportgewerbe: Bei Wahl eines E-Lkw eines neuen Anbieters sinken die Kosten inklusive Restwert von 0,63 auf 0,55 Euro pro Kilometer – ein Rückgang von rund zehn Prozent. Für Speditionen mit engen Margen kann das den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust bedeuten.

Technisch auf Augenhöhe: Neue Anbieter holen auf

Die neuen Wettbewerber punkten nicht nur beim Preis. Nach Einschätzung von T&E stehen chinesische und US-amerikanische elektrische Lkw ihren europäischen Konkurrenten auch technisch kaum nach. Bei zentralen Kennzahlen wie Reichweite, Ladezeit, Energieeffizienz und Nutzlast erreichten die Fahrzeuge der neuen Anbieter vergleichbare Werte.

Der europäische Markt für schwere Lkw umfasst rund 245.000 Fahrzeuge pro Jahr und wird aktuell von einer kleinen Gruppe etablierter Hersteller dominiert: DAF, Daimler Truck, Iveco, Traton und Volvo. Diese Marktkonzentration macht den Sektor laut T&E besonders anfällig: Preislich und qualitativ konkurrenzfähige Neueinsteiger könnten schnell große Marktanteile gewinnen. Auf Basis der eigenen Ziele der neuen Hersteller beziffert T&E das mögliche Marktpotenzial auf bis zu 25 Prozent des schweren E-Lkw-Markts bis 2030.

T&E fordert ambitionierte Dekarbonisierungsziele

Die Organisation appelliert an die Lkw-Hersteller, aus den Fehlern der Automobilindustrie zu lernen. Wer die Elektrifizierung jetzt bremse oder auf eine Aufweichung der CO2-Vorgaben dränge, öffne den Wettbewerbern aus China und den USA den Weg in den europäischen Markt – und darüber hinaus in globale Märkte.

T&E richtet den Appell auch an die Politik: Bundeskanzler Merz solle sich auf europäischer Ebene für ambitionierte Dekarbonisierungsziele einsetzen, um eine Krise im Lkw-Sektor zu verhindern, wie sie derzeit in der Automobilindustrie zu beobachten sei. Die Elektrifizierung des Güterverkehrs sei kein Risiko – das Zögern hingegen schon.